Was Nachhaltigkeit ist und wie du sie auf deinen Reisen integrierst – Interview mit Yvonne von Fairaway Travel

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In einem meiner letzten Artikel spreche ich darüber, wie du auf Reisen Kontakt zu Einheimischen aufbaust und durch deine Begegnungen eine einzigartige Reise erlebst. Dabei geht es in erster Linie um dich und um das, was du durch den Austausch mit den Menschen lernen und für dich mitnehmen kannst.

Aber was ist mit der Natur und dem Leben der Menschen vor Ort?

Sollte nicht auch die lokale Bevölkerung vom Tourismus profitieren und nicht nur für uns Individualreisenden einen Wert haben? Steht es überhaupt in unserer Verantwortung, uns mit der lokalen Gemeinschaft auseinanderzusetzen und ihnen etwas von uns zurückzugeben? Zu diesen und weiteren spannenden Fragen habe ich mehrere Reiseveranstalter für euch interviewt.

Meine erste Interviewpartnerin ist Yvonne von Fairaway Travel. Das Reiseunternehmen setzt sich besonders für nachhaltiges Reisen und die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung ein. Yvonne ist bei Fairaway u.a. für das Marketing auf dem deutschen Markt zuständig.

 

 

1. Hallo Yvonne! Fairaway ist ein Reiseanbieter, der nachhaltige, individuell zugeschnittene Reisen anbietet. Was wollt ihr in Zukunft erreichen und was bedeutet nachhaltiges Reisen für euch?

Mein persönliches Ziel ist es, dass es gar nicht mehr so betont werden muss, sondern dass es einfach selbstverständlich ist, dass man nicht im Massentourismus reist. Dass man achtsam mit der Natur und mit den Menschen vor Ort umgeht.

In Deutschland ist Nachhaltigkeit im Alltag ja schon sehr stark angekommen. Nicht bei allen vielleicht, aber bei vielen. Man guckt, wie man mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B kommt und das fällt auf Reisen manchmal weg. Da ist man dann im Urlaubsmodus, kauft vielleicht mehrere Plastikflaschen und bucht doch noch den Inlandsflug. Das sind Themen, für die wir das Bewusstsein stärken wollen.

2. Ihr bietet Reisen an, die von lokalen Spezialisten begleitet werden. Warum legt ihr darauf großen Wert?

Einerseits, weil das Geld direkt ins Land geht. Entweder sind das dann kleine Agenturen oder sogar Selbstständige, die nach unseren Standards arbeiten, den Standards der Nachhaltigkeit, d.h. Sozialversicherung, die Bezahlung, die Arbeitsbedingungen und natürlich auch der Schutz der Natur und der Respekt vor den Einheimischen.

Andererseits kann ich zwar ein bisschen was über einzelne Länder erzählen, aber eine richtig gute Beratung abseits des Massentourismus kann ich für all die Länder nicht geben und deswegen ist es toll, dass das unsere Reiseexperten übernehmen können.

3. Wie sieht eure Arbeit mit der einheimischen Bevölkerung genau aus?

Unsere Reisenden stehen in direktem Kontakt mit den lokalen Reiseexperten und stellen ihre Reise auch in direktem Kontakt mit ihnen zusammen. Zum Beispiel gibt es in Peru ein Hotel, das Hotel Niños, das sich für die Bildung vor Ort einsetzt, d.h. der Gewinn geht an Bildungsprojekte. Oder die „casas particulares“ in Kuba (privat angebotene Unterkünfte). Das wird schon bei der Planung vorgeschlagen und auch beschrieben, was dadurch [vor Ort positiv] verändert werden kann.

 


„Es generiert einerseits lokales Einkommen und andererseits glaube ich daran, dass es Erfahrungen sind, die man nicht mehr so leicht vergisst.“


 

4. Inwiefern hältst du es für wichtig und welche Vorteile siehst du darin, als Reisender Kontakt zu Einheimischen zu haben?

Natürlich möchte jeder Reisende die Highlights des Landes sehen, gerade wenn man noch nicht da war. Natürlich möchtest du die Natur sehen, schöne Wanderungen unternehmen und die Highlights des Landes sehen, aber vielleicht kann man das ja auch kombinieren und nicht nur abarbeiten, sondern ein bisschen langsamer reisen und genießen. Was für mich eine Reise besonders macht, ist der Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Das bleibt einfach in Erinnerung. Das sind Begegnungen, die die Reise einzigartig machen.

Du wirst in ganz andere Situationen gebracht. Letztens hab ich eine Reisende interviewt, die in der Mongolei war und gesagt hat, es hat sie geerdet, weil da der Umgang mit digitalen Medien noch ganz anders ist. Und nachdem sie dann zusammen mit Einheimischen in einem Nomadenzelt saß und versucht hat, sich mit ihnen zu unterhalten, nimmt sie ihren Alltag jetzt ganz anders wahr.

5. Welchen positiven Effekt hat dies auf die einheimische Bevölkerung?

Die lokale Bevölkerung profitiert natürlich davon, wenn du z.B. in einer familienbetriebenen Pension unterkommst, einen Kochkurs machst und das Geld an den lokalen Koch geht oder wenn du Weberinnen besuchst und lernst, wie das Weberhandwerk funktioniert. Es generiert einerseits lokales Einkommen und andererseits glaube ich daran, dass es Erfahrungen sind, die man nicht mehr so leicht vergisst.

6. Was hältst du von Volunteering bzw. Voluntourismus und gibt es Projekte, die du empfehlen kannst?

Es kommt natürlich auf das Projekt an. Voluntourism beschreibt, wenn man als Reisender in einem Land für ein paar Tage in ein soziales Projekt reingeht und dann dort helfen will. Grundsätzlich find ich’s aber sehr schwierig, weil man sich meistens als Tourist in dem Land nicht auskennt. Man kennt vielleicht auch die Sprache und die Gegebenheiten nicht, möchte aber helfen, was auch eine sehr schöne Sache ist.

Aber dann muss man sich ehrlich fragen, wem man da hilft. Hilft man sich selber, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen oder hilft man wirklich der lokalen Bevölkerung vor Ort und was bewirkt das, wenn man nur zwei, drei Tage in ein Projekt reingeht? Eine Kaffeefarm oder Kakaoplantage – und diesen Prozess dort – kennenzulernen und vielleicht dann auch, wenn es passt, bei der Ernte zu helfen, finde ich nicht verwerflich. Man muss sich einfach überlegen, welchen Einfluss man ausübt und welchen Fußabdruck man hinterlässt.

Es gibt ja das freiwillige soziale Jahr oder auch Weltwärts, an die man sich wenden kann, wenn man sowas vorhat. Man bekommt dann auch ein Zertifikat und es werden vorher Coachings gemacht, damit man darauf gut vorbereitet ist. Ich finde es auch wichtig, zu gucken, ob die Projekte in dem Land selber auch Hilfe angefordert haben. Es soll natürlich ein Geben und Nehmen sein! Das find ich bei diesem Thema ganz wichtig!

 

 

7. Inwiefern unterstützt ihr als Agentur Einheimische (z.B. durch nachhaltige Projekte)?

Bei uns ist das z.B. ein Projekt, das dabei unterstützt, Steinkohleöfen in Ghana zu produzieren. Man spendet Geld und das geht dann an das Projekt und dadurch kann unsere CO2-Emission kompensiert werden. >>> Erfahre mehr darüber <<<

 


„Mein persönliches Ziel ist es, dass es gar nicht mehr so betont werden muss, sondern dass es einfach selbstverständlich ist, dass man nicht im Massentourismus reist. Dass man achtsam mit der Natur und mit den Menschen vor Ort umgeht.“


 

8. Welche Tipps hast du abschließend für Individualreisende, die einen positiven Beitrag für die lokale Gemeinschaft leisten wollen?

Es ist ja ein Austausch auf Augenhöhe mit der lokalen Bevölkerung und man sollte sich nicht höher stellen und nicht niedriger stellen. Es ist eine Verantwortung der Reisenden, wie ich find, sich vorher gut zu informieren.

Vorausschauend buchen:

Wo komme ich unter? Was sind gute Alternativunterkünfte, die nicht von Großkonzernen betrieben werden? Diese möglichst vorher zu organisieren und nicht in einem 5-Sterne-Hotel unterkommen zu müssen, weil es das einzig freie ist, was man findet, wäre schon gut. Einfach schon vorher Kontakt mit lokalen Pensionen aufzunehmen.

Langsam reisen:

Es ist natürlich auch schön, spontan unterwegs zu sein und sich treiben zu lassen, aber spontan kann man auch sein, wenn man sich ein paar Tage an einem Ort Zeit lässt und mal nichts plant, damit man die Stadt auch kennenlernen kann.

Wir raten unseren Reisenden auch, eine große Reise zu unternehmen – vielleicht drei Wochen statt im Jahr dreimal eine Woche zu machen, um das Land und die Leute wirklich kennenzulernen und so kann man dann ja auch wieder ein bisschen CO2-Emission kompensieren.

Sich mit der Landessprache auseinandersetzen: 

Ein paar Wörter der Landessprache lernen. Es geht nicht darum, fließend die Fremdsprache sprechen zu können, sondern ein paar Sätze zu lernen. Das öffnet einfach schon viele Wege. Gerade, wenn man alleine unterwegs ist und mal nach dem Weg fragen muss oder im Restaurant „Hallo“, „Danke“ und „Tschüss“ sagen kann, ist das schon viel wert.

Infos über Land und Leute einholen:

Und natürlich wäre es schön, wenn man so ein bisschen was über das Land weiß. Über die Natur, vielleicht über die politische Situation, aber auch über Städte, wo man hinreist, damit man weiß: Da gibt es dieses Angebot oder dieses Restaurant wurde mir empfohlen. Da werden tolle Aktivitäten angeboten. Hier kann man z.B. in den Dschungel oder in einen Nationalpark fahren.

Müll vermeiden:

Man kann z.B. einen Jutebeutel mit zum Einkaufen nehmen, um den Plastikmüll gering zu halten, oder eine Trinkflasche. Wir senden eine nachfüllbare Trinkflasche [Dopper-Trinkflasche] an jeden Reisenden, die er dann im Reiseland auffüllen kann.

CO2-Ausstoß kompensieren:

Fliegen ist das Umweltschädlichste, was man machen kann, ist aber leider das einfachste Mittel, um in ferne Länder zu kommen. Fahrräder verursachen natürlich die wenigsten CO2-Emissionen. Das ist ganz klar. Wir sagen aber, anderen Menschen zu begegnen und andere Länder zu sehen, ist so toll, dass man gucken muss, wie man das kompensiert.

Es gibt Projekte wie Atmosfair, wo man das auf freiwilliger Basis auch machen kann. Das ist ein Service, bei dem man seinen Start- und Zielort eingeben kann und das Programm kalkuliert dann, wie viel CO2-Emissionen anfallen. Man kann die Emissionen kompensieren und der Betrag geht dann an ein Projekt, das nach gewissen Standards arbeitet.

Trinkgeld:

Meistens sind die Arbeitsbedingungen und der Lohn schlechter, als bei uns d.h. ich würde auf jeden Fall raten, angepasstes Trinkgeld zu geben und sich nicht an den deutschen Standard zu halten, sondern sich vorab zu informieren, was angebracht ist. Wenn man als privilegierter Weißer in manche Länder reist, wird man auch mal um Spenden gebeten. Wir vermitteln unseren Reisenden, dass wir bestimmte Projekte mitfinanzieren und dass sie z.B. entweder Schulmaterialien mitbringen können oder eine Geldspende für eins unserer Projekte geben können.

Ich glaube, es ist viel besser, strukturell etwas zu ändern, d.h. lokales Einkommen zu generieren und die lokale Wirtschaft zu stärken. Das kann man in kleinen Schritten machen. Da muss man aber gar nicht so weit reisen, sondern kann schon vor der eigenen Haustür anfangen. Ich finde den Ausdruck der Glokalität eigentlich ganz passend, also global zu denken, aber dabei lokal zu handeln. Was kann ich hier lokal ändern? Wir sind alle durch die Globalisierung miteinander vernetzt und wenn ich hier Sachen verändere, dann kann das auch globale Auswirkungen haben.


 

Hast du Fragen zum Thema Nachhaltigkeit oder möchtest noch etwas hinzufügen? Oder möchtest du noch mehr über Yvonne und Fairaway Travel erfahren? Schreib‘ gern einen Kommentar unter diesen Post!

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