Kulturschock im eigenen Land – wie du die Rückkehr aus dem Ausland meisterst

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Wie gehst du damit um, wenn du längere Zeit im Ausland verbracht hast und dich bei der Rückkehr in deiner eigenen Kultur nicht mehr zurechtfindest?

Wenn dein Fernweh von Tag zu Tag größer wird und du das Gefühl hast, du gehörst hier gar nicht mehr hin und würdest am liebsten sofort in den nächsten Flieger steigen und wieder dahin zurückfliegen, wo du gerade herkommst. An den Ort, an dem du dich verstanden gefühlt hast, dich wohl gefühlt hast, vielleicht sogar einem Seelenverwandten begegnet bist.

Du verstehst die Welt nicht mehr. Denn du kehrst ja schließlich in dein Heimatland zurück. Da, wo dir alles vertraut ist.

Eigentlich.

So war es zumindest vorher. Aber jetzt ist alles anders. Jetzt fühlt sich alles fremd an. Du dich leer. Du bist orientierungslos und möchtest dich am liebsten nur noch verkriechen, dich unter deiner Decke verstecken und darauf warten, dass dieses Gefühl wieder vorbeigeht. Dieser Schmerz. Dieses unwohle Gefühl.

Das Gefühl von Undankbarkeit macht sich breit: „Müsste ich nicht der glücklichste Mensch auf Erden sein? Aus meinen unglaublichen Erfahrungen und Erlebnissen Energie schöpfen und nur so vor Lebensfreude sprühen?“

Die Antwort ist: Nein.

Vielleicht erwartest du zu viel von dir selbst? Vielleicht ist es auch dein Umfeld, dass gerade Dinge von dir erwartet, die du nicht erfüllen kannst. Die Menschen, die hier geblieben sind und sich gar nicht in dich hineinversetzen können. Die gar nicht wissen, was du fühlst und nicht mal erahnen können, wie es gerade in dir aussieht.

Du fühlst dich unglaublich unverstanden.

Wohin mit deinen Eindrücken und Erlebnissen? Du hast plötzlich das Gefühl, niemand interessiert sich für deine Erfahrungen.

 

 

Fremd im eigenen Land

Der Schock sitzt im wahrsten Sinn des Wortes manchmal tiefer, als du denkst, denn die Startschwierigkeiten nach der Rückkehr in deine Heimat werden oft unterschätzt. Du bist nicht darauf vorbereitet, dich plötzlich im eigenen Land fremder zu fühlen, als im Ausland.

„Hier kenn ich alles, hier ist doch alles vertraut“, denkst du dir.

Woran du aber meistens nicht denkst, wenn du zurückkehrst, ist an dich selbst.

Die Vorfreude, nach Hause zu kommen, Freunde und Familie wiederzusehen, ist oft so groß, dass du alles andere um dich herum ausblendest. Nicht nur dein Umfeld, sondern auch du  selbst erwartest mit einer Selbstverständlichkeit von dir, dass du einfach einen Schalter umlegen und dein altes Leben so weiterleben kannst, wie bisher, ohne dir bewusst darüber zu sein, dass es das alte Leben gar nicht mehr gibt. Sogar dein Umfeld erwartet dieselbe, unveränderte Person zurück, die du mittlerweile nicht mehr bist.

Denn du hast dich in der Ferne durch neue Erfahrungen weiterentwickelt und verändert. Du hast Dinge gelernt und erlebt, die dich prägen und die für immer in deiner Erinnerung bleiben. Dein Horizont hat sich erweitert, ohne dass du es gemerkt hast.

Du siehst die Welt seitdem aus einer anderen Perspektive und auch deine Familie und deine Freunde siehst du mit anderen Augen. Nicht nur du hast eine Veränderung durchgemacht, sondern auch das Leben der Daheimgebliebenen ist weitergegangen. Auch ohne dich. Und das tut ganz schön weh! Trotzdem bist du überrascht, dass Zuhause weniger passiert ist, als bei dir selbst. Dass alle immer noch über die gleichen Themen reden.

 

 

Um dich zu beruhigen: du bist nicht allein und es gibt da draußen noch ganz viele andere Menschen, denen es so geht wie dir und die nach ihrer Rückkehr diese Zeit durchmachen!

 

Was ist ein Kulturschock überhaupt genau?

Damit du verstehst, was einen Kulturschock definiert und welche Phasen du während eines Kulturschocks durchläufst, möchte ich dir gerne ein Modell vorstellen.

 

© Crossculture Academy

 

Fangen wir beim Fremdkulturschock an: in der Anfangsphase, auch Honeymoon-Phase genannt, in der du dich in einer dir fremden Kultur aufhältst, empfindest du meist Euphorie. Alles ist neu, du bist positiv gestimmt und freust dich auf das, was kommt. Du lernst Menschen aus aller Welt kennen und jeder Tag fühlt sich wie eine kleine Entdeckungsreise an.

Sobald du mit anderen Weltanschauungen und Werten in Konflikt gerätst, die dir selbst fremd sind oder die du einfach nicht nachvollziehen kannst, kann das anfängliche Hochgefühl in Frustration umschlagen. Du merkst, dass doch nicht alles so rosig ist, wie du es dir vorgestellt hast, weißt vielleicht mit den Menschen vor Ort nicht umzugehen und verstehst manche Verhaltensweisen einfach nicht. Deine Erwartungen stimmen mit der gelebten Realität überhaupt nicht überein. Du steckst in einer Krise und erleidest gerade unbewusst einen sogenannten Kulturschock. Du fühlst dich unwohl und auch ein bisschen orientierungslos.

In der dritten Phase erholst du dich allmählich von der Tiefphase, lernst die fremde Kultur mit all ihren Gegebenheiten zu akzeptieren und gehst Kompromisse ein.

In der letzten Periode gelingt es dir, dich in die neue Kultur einzuleben und teilweise ihre Verhaltensweisen zu übernehmen. Du fühlst dich wohl und fängst an, die Menschen zu verstehen.

Der Eigenkulturschock in der Heimat

Der sogenannte Eigenkulturschock, auch Reverse Culture Shock oder Re-Entry Shock genannt, wirft dich fast immer mehr aus der Bahn, als beim Einleben in eine neue Kultur. Denn einerseits siehst du die Notwendigkeit nicht, dich auf deine eigene Kultur vorzubereiten und andererseits fällt dir meist erst dann auf, dass du einen Schock erleidest, wenn du mitten drinsteckst.

Zurück in der Heimat spielen sich die Phasen des Kulturschocks nochmal von vorne ab. Nach der Wiedersehensfreude kannst du erneut in ein Loch fallen, wenn du durch deine Erfahrungen im Ausland bestimmte Erwartungen an deine Heimatkultur hast, die nicht erfüllt werden. Deine Persönlichkeit hat sich in der Zeit im Ausland weiterentwickelt und trotzdem merkt es zuhause niemand. In den Köpfen der Daheimgebliebenen steckt immer noch dein altes „Du“. Du fühlst dich erneut unwohl und unverstanden und vermisst nun das Land und die Leute, in denen du die letzten Wochen, Monate oder Jahre verbracht hast. Mit etwas Unterstützung schaffst du es, einen Einklang zwischen deiner bisherigen Rolle und deinem neuen „Ich“ zu finden, dich wieder in deinem Heimatland einzuleben und es vor allem wieder wertschätzen zu können.

 

Wie du deinen Kulturschock überwindest

Die Phase nach deiner Rückkehr solltest du nicht auf die leichte Schulter nehmen und dich genug um dich kümmern.

Wusstest du, dass ein Kulturschock sogar als psychische Erkrankung anerkannt ist?

Ich selbst kenne das Gefühl aus der Vergangenheit nur zu gut! Ich hätte zu dieser Zeit gerne gewusst,  was ich dagegen tun kann, denn ich habe dadurch Freunde verloren und auch meine damalige Beziehung ist daran zerbrochen. Ich möchte dir deshalb zum Schluss noch ein paar Tipps an die Hand geben, um dir dein Wiedereinleben zu erleichtern:

1. Setz dich mit dir und deiner aktuellen Situation auseinander! Verschließ dich nicht vor ihr und lauf vor allem nicht vor ihr weg! Reflektiere die Konflikte, mit denen du seit deiner Rückkehr konfrontiert bist, baue Verständnis für das Verhalten deiner Familie und deines Freundeskreises auf und  versuche so, einen Weg aus deinem Loch zu finden! Das kann nämlich sonst über kurz oder lang dazu führen, dass du dein Heimatland mit negativen Gefühlen assoziierst, du eine ablehnende Haltung gegen deine Kultur aufbaust und andere Kulturen bevorzugst.

2. Habe Geduld! Gib dir Zeit, dich wiedereinzuleben und stürze dich nicht gleich ins nächste Abenteuer. Dein Kopf muss das Erlebte erst mal verarbeiten und einordnen, bevor noch mehr Reize auf ihn einprasseln. Sei dir bewusst, dass das in der Regel zwischen fünf und zehn Wochen dauern kann! Tu dir in dieser Zeit so viel Gutes wie möglich, mache zum Beispiel Sport und geh deinen Hobbies nach.

 

 

3. Schraube deine Erwartungen auf ein realisistisches Maß runter: Mach dir bewusst, dass dich nicht jeder verstehen wird. Wie denn auch? Es war schließlich niemand außer dir dabei. Du hast eine einzigartige Erfahrung gemacht, die nur du erlebt hast. Außenstehende nehmen nur von außen wahr, was du erlebt hast. Um dir selbst die Enttäuschung zu ersparen, dass andere dir nicht zuhören und sich nicht für deine Geschichten interessieren, tausche dich stattdessen lieber mit Gleichgesinnten aus, die nachvollziehen können, wie du dich fühlst. Reise-Meetups in deiner Stadt sind dafür eine gute Möglichkeit.

4. Igel dich nicht ein! Wenn du dich mal einen Tag allein fühlst, ist das völlig ok, aber versuche, dich nicht völlig von deinem sozialen Umfeld zu distanzieren. Triff dich mit deinen alten Freunden und versuche, wieder eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Gebt euch Zeit, euch wieder aneinander zu gewöhnen! Orientiere dich dabei an euren Gemeinsamkeiten, nicht an euren Unterschieden!

5. Halte Kontakt zu deinen neuen Freunden und Bekanntschaften. Vor allem, wenn du dich von deinem heimatlichen Umfeld momentan noch unverstanden fühlst. Mit ihnen kannst du in Erinnerungen schwelgen und sie werden dir in deiner Eingewöhnungsphase Rückhalt und Kraft schenken.

 

 

6. Sei dankbar für deine Erfahrungen! Auch wenn das Zitat ziemlich ausgelutscht ist, es steckt einfach viel Wahrheit drin: Don’t cry because it’s over, smile because it happened! Denk daran: die Phase die du gerade durchmachst, geht allerdings auf jeden Fall wieder vorbei! Die Zeit, die du erlebt hast, und all das, was du gelernt hast, kann dir allerdings niemand mehr nehmen!

7. Nimm Hilfe von außen an! Bitte vertraute Personen, dich in dieser schwierigen Phase zu unterstützen. Sprich mit ihnen und erkläre ihnen, wie es dir geht, dass dich das schnell abflachende Interesse an deinem Auslandsaufenthalt enttäuscht und versuche ihnen klarzumachen, dass du nicht mehr der- oder dieselbe bist, wie vor deiner Abreise. Vielleicht können sie mit einem empathischen Ohr und einer liebevollen Umarmung dafür sorgen, dass du dich in deiner Heimat wieder geborgen fühlst.

 

Und weißt du, welchen positiven Nebeneffekt ein Kulturschock immer hat?

Kaum zu glauben, aber ein Kulturschock hat immer einen positiven Effekt auf die Entwicklung deiner Persönlichkeit. Du hast dank deiner Zeit im Ausland neue Einstellungen, Werte und Verhaltensweisen kennengelernt und dir so unbewusst Interkulturelle Kompetenz angeeignet, die dir nicht nur bei deinem nächsten Auslandsaufenthalt zugute kommt, sondern dir auch hilft, im Alltag richtig mit anderen Kulturen umzugehen.

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Ich hoffe, der Artikel hat dir gefallen und vielleicht sogar geholfen! Ist es dir schon mal genauso ergangen? Wenn ja, welche Erfahrungen hast du gemacht? Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir davon (in den Kommentaren) erzählst!

2 Comments

  • Liebe Christina,
    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag, du hast das was mich momentan beschäftigt genau auf den Punkt getroffen. Wir sind Mitte April von unserer Auszeit zurück gekehrt und leben seit 6 Wochen auch noch in einer neuen Gegend – quasi ein doppelter Kulturschok!
    Vielen lieben Dank dir

    Charly

  • Christina

    Liebe Charly,

    vielen Dank für deine liebe Nachricht! Es freut mich sehr, dass ich dich mit meinem Artikel erreichen konnte und hoffe, ich konnte dir ein wenig Mut machen! Es fällt bestimmt nicht leicht, sich auch noch an eine neue Umgebung zu gewöhnen. Ich wünsche euch alles Liebe für die kommende Zeit und viel Kraft!

    Christina

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