Nachhaltigkeit auf Reisen – Interview mit Ingo Nösse von Papaya Tours

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In meinem zweiten Interview über Nachhaltigkeit und nachhaltiges Reisen spreche ich mit Ingo Nösse, dem Gründer von Papaya Tours. Das Reiseunternehmen hat sich auf Südamerikareisen spezialisiert, denn schon während seines Studiums verbrachte Ingo Nösse eine Zeit lang in Ecuador, um dort Spanisch zu lernen. Und genau da fing seine Liebe zu Lateinamerika an. Zusammen mit einem Studienkollegen bot er noch während seines Studiums seine erste Reise nach Südamerika an, von der alle begeistert waren und da wusste er: „Das ist etwas, das ich mal machen will!“

Worauf Papaya Tours Wert legt und wie der Reiseveranstalter zum Thema Nachhaltigkeit steht, das erfährst du in diesem Interview. Ich freue mich, es heute mit dir teilen zu können:

 

1. Sie sind ein Reiseveranstalter, der nachhaltige, individuell zugeschnittene Reisen anbietet. Warum haben Sie sich auf nachhaltiges Reisen spezialisiert?

Wie es zu nachhaltigem Reisen kam: zum einen habe ich mich während meines Studiums mit der Thematik Nachhaltigkeit schon ein bisschen beschäftigt. Allerdings würde ich gar nicht mal sagen, dass ich den Wunsch hatte, mich mit einem Unternehmen selbstständig zu machen, das nachhaltige Reisen anbietet, sondern eher dass wir uns darauf spezialisieren, ehrliche und authentische Reisen anzubieten, also für Menschen, die eine gewissen Reiseleidenschaft mit mir teilen. Fernab von den klassischen Urlaubsreisen.

 

 

2. Was bedeutet Nachhaltigkeit bzw. nachhaltiges Reisen für Sie?

Nachhaltigkeit ist eher ein Qualitätsfaktor für mich, der besonders gute Erlebnisse und authentische Reisen beschreibt. Es wird auch oft mit dem erhobenen Zeigefinger verwechselt. Für mich steht aber das Kundenerlebnis im Fokus und wenn man das richtig umsetzen möchte, dann lässt sich das am besten mit diesen nachhaltigen Faktoren machen. Im Prinzip das, was Backpacker auch machen: nicht immer, aber meistens ist es eine sehr sanfte Art des Tourismus, bei dem Unterkünfte vor Ort gebucht werden, man in Bussen unterwegs ist und die Leute vor Ort auch ein bisschen näher kennenlernt. Das ist mehr so die Idee, die im Fokus steht. Wir versuchen immer, die Berührungspunkte mit dem Land und mit der Bevölkerung zu schaffen und das möglich intensiv auszuschöpfen.

 

 

3. Warum legen Sie großen Wert darauf, dass Ihre Reisen von lokalen Spezialisten begleitet werden?

Das ist aus dem Grunde ganz klar, weil sie natürlich das Land sehr gut kennen. Wer kann einem ein Land besser zeigen, als die, die dort leben? Die, die wirklich dort aufgewachsen sind oder schon viele Jahre da leben und das Land wirklich in allen Facetten persönlich kennen.

Teilweise schulen wir unsere Reiseleiter auch. Peruanische Reiseleiter beispielsweise werden geschult, um interkulturell auf unsere Kunden eingehen zu können. Da gibt es ja auch kulturelle Unterschiede. Ein Peruaner kann vielleicht sein Land super zeigen, allerdings versteht er vielleicht nicht immer unbedingt, was ein Deutscher denn überhaupt hören will. Vielleicht gibt es Dinge, die er gar nicht sagen würde, weil es ihm peinlich oder unangenehm ist, wobei es letzten Endes gar nicht so aufgefasst wird und genau das ist, was unseren Kunden gefällt. Und das Ziel ist es, dem Reisenden das Land genauso näher zu bringen, dass er nach Hause kommt und sagt: „Hey, ich habe wirklich genau das erfahren, was ich erfahren wollte.“

 

„Man kann dadurch viel erfahren und eine richtig schöne, nachhaltige Reise bedeutet für mich auch, sich mit Land und Leuten zu befassen und das geht natürlich nur, wenn man die Menschen auch kennenlernt.“


 

4. Das beantwortet im Prinzip schon meine nächste Frage, nämlich die, wie Ihre Arbeit mit der einheimischen Bevölkerung aussieht. Haben Sie auch eigene Projekte?

Da, wo wir es als gut empfinden, versuchen wir auf unseren Reisen Tourismusprojekte mit in den Tourenverlauf einzubauen. Wir besuchen zum Beispiel in Ecuador eine Schokoladenfarm, wo man sehen kann, wie die Kleinbauern wirklich Schokolade produzieren. In Costa Rica besuchen wir Indígenas, die uns ein bisschen was über ihr Leben erzählen. In Peru übernachten wir bei einem Einheimischen am Titicacasee und so versuchen wir in den verschiedensten Ländern, solche Tourismusprojekte, die wir als unterstützenswürdig empfinden, einzubeziehen. So findet dann auch Kontakt mit den Einheimischen statt. Das ist nicht immer einfach, weil sie oft kein Englisch sprechen. Da muss man dann mit Händen und Füßen ran, das ist aber immer sehr sympathisch und sehr ehrlich!

Vor allen Dingen, weil es wirklich einfache Leute sind, die sich fragen: „Wie können auch wir vom Tourismus profitieren?“ Man sieht auch richtige Entwicklungen in diesen Dörfern. Wenn ich nochmal Peru als Beispiel nehmen kann: als wir vor 13 Jahren angefangen haben, mit denen zusammenzuarbeiten, hatten sie kleine Hütten, in denen man übernachten konnte. Es gab kein fließend Wasser, kein Strom, kein gar nichts und mittlerweile gibt es das da. Sie haben ihre Häuser ausgebaut und ihre Kinder können sie teilweise sogar auf Schulen und Universitäten schicken. Das heißt, deren Leben hat sich wirklich in diesen 13 Jahren sichtbar verändert! Durch solche Projekte haben die Leute ein wirklich besseres Leben!

Was wir noch machen: wir spenden 15 Euro pro Teilnehmer an soziale Projekte in den Ländern. Meist da, wo Kinder unterstützt werden, wobei wir diese Projekte nie selber besuchen. Da lege ich persönlich großen Wert drauf. Wir möchten nicht zu sehr in den Kontakt mit Kindern kommen, damit sie den Touristen nicht als denjenigen sehen, der das Geld vorbeibringt, sondern davon unberührt aufwachsen. Das wird ja manchmal so betrieben wie eine Art Weihnachtsmanntourismus – jeder hat mal ein Kind im Arm oder, wenn man Schulen besucht, stehen dann alle Spalier. Das versuchen wir zu vermeiden. Die Tourismusprojekte, die wir mit einbeziehen und die wir besuchen, sind von Erwachsenen für Erwachsene.

5. Wie sieht es mit dem Kontakt mit Einheimischen aus? Halten Sie es für wichtig, als Reisender Kontakt zu Einheimischen zu haben? Worin sehen Sie Vorteile?

Das ist für jeden unterschiedlich: die einen sind ein bisschen schüchterner, die anderen gehen sofort auf die Leute zu und reden mit Händen und Füßen. Ich find es gar nicht mal so richtig, da eine Regel draus zu machen und zu sagen, dass man nur so ein Land genießen kann, aber natürlich ist es nicht falsch, wenn man die Offenheit hat und mit Einheimischen in Kontakt tritt. Das macht mit Sicherheit beiden Seiten Spaß! Man kann dadurch viel erfahren und eine richtig schöne, nachhaltige Reise bedeutet für mich auch, sich mit Land und Leuten zu befassen und das geht natürlich nur, wenn man die Menschen auch kennenlernt. Vor allem, wenn man als Backpacker unterwegs ist, hat man ganz andere Berührungspunkte und hält sich auch an den ein oder anderen Orten länger auf. Abends ist man dann vielleicht in Bars unterwegs und kommt mit den Leuten ganz automatisch in Kontakt.

 

 

6. Was halten Sie von Volunteering bzw. Voluntourismus und gibt es Projekte, die Sie empfehlen können?

Hier muss ich vorsichtig sein. Ich kenne mich in diesem Metier nicht gut genug aus, um eine fundierte Meinung abzulegen. Ich weiß nur, es gibt Anbieter, die es wirklich gut machen, aber auch ganz viele schwarze Schafe, bei denen es in jeder Hinsicht schlecht organisiert ist und die Volunteers nur ausgenommen werden, ohne dass das Projekt vor Ort einen vernünftigen Effekt hat. Teilweise sogar auch im Gegenteil. Beispielsweise an Orten, wo es zu viele Voluntäre gibt, wo Volunteering ein Business geworden ist und einen negativen Impact auf die Leute vor Ort hat. Es ist eine große Diskussion, wie ich mitbekommen habe. Aber ich kann da nicht viel zu sagen, da wir das gar nicht anbieten.

7. Inwiefern unterstützen Sie als Reiseunternehmen die Einheimischen vor Ort?

wir arbeiten mit vielen Partnern vor Ort zusammen, die uns beim Gelingen einer Reise helfen. Ganz wichtig finde ich, sicherzustellen, dass das Geld auch dort ankommt, wo es ankommen soll. Also im Land auch bleibt. Wenn man z.B. die großen, internationalen Hotelketten betrachtet, ist das nicht immer der Fall. Da stehen wir natürlich in der Verantwortung als Veranstalter, uns die richtigen Partner vor Ort auszusuchen.

Eine Sache ist die richtige Hotelauswahl. Da bevorzugen wir die kleinen, familiengeführten Hotels. Die richtigen Partner zu haben und langfristige Beziehungen mit denen aufzubauen, ist die andere. Das finde ich sehr wichtig. Das heißt auch, dass man die Agenturen gut behandelt, sich gut mit ihnen versteht und fair und pünktlich zahlt. So bekommt man auch einen entsprechenden Service von deren Seite aus. Gleichzeitig kann man sicherstellen, dass sie wiederum ihre Mitarbeiter richtig behandeln oder auch eine ähnliche Philosophie vertreten, wie wir es tun. Das ist von unserer Seite ein wichtiger Punkt, den wir dazu beitragen können, um vor Ort die Leute zu unterstützen.

8. Haben Sie noch ein paar Tipps für diejenigen, die einen positiven Beitrag in der lokalen Bevölkerung hinterlassen möchten?

Das positivste ist, wenn man Tourismusprojekte besucht und sich vorher ein bisschen informiert, weil die Leute davon direkt profitieren oder sich die kleinen, familiengeführten Hotels aussuchen. Auch da geht das Geld direkt an die einheimische Bevölkerung. Wenn man möchte, kann man auch Übernachtungen bei Gastfamilien einbauen. Wichtig ist der persönliche und respektvolle Umgang mit der Bevölkerung!

Was ich ganz wichtig finde: keine Almosen verteilen, auch wenn es sich hart anfühlt. Dann kommen die bettelnden Kinder, die einem leid tun und gibt denen dann Geld. Nicht immer, aber meistens warten die Eltern im Hintergrund. Kindern sollten man am besten nichts geben, auch wenn man denkt, man hat gerade was Gutes getan. Man gibt in dem Fall immer nur den Eltern Recht, ihre Kinder zum Betteln zu schicken. Stattdessen sich lieber gut informieren und die ein oder anderen Spenden hinterlassen.

Den Weihnachtsmanntourismus, den ich schon erwähnt habe, vermeiden. Das ist für die Entwicklung eines Landes ganz schlecht!

In den Ländern, in denen wir unterwegs sind, sind wir oft in recht empfindlichen Naturgegenden unterwegs. Hier rate ich, noch mehr drauf zu achten, dass man sich richtig verhält. Leider ist es so, dass in vielen Ländern die Menschen noch nicht so weit geschult sind wie wir, wobei sich das Stück für Stück immer mehr durchsetzt, z.B. dass man Müll wirklich in die Mülltonnen wirft.

Was man sonst noch für die Umwelt machen kann: Versuchen, keine Inlandsflüge zu unternehmen und mindestens zwei Wochen in ein Land zu reisen. Es gibt immer noch genügend Leute, die Kurztrips machen. Das erhöht natürlich die CO2-Bilanz.

Ich bedanke mich ganz herzlich für das nette Gespräch und den Einblick, den Sie mir gegeben haben!

 

Hast du noch Fragen an Papaya Tours oder zum Thema Nachhaltigkeit? Oder brennt dir etwas unter den Nägeln, das du mir gern mitteilen möchtest? Dann freue mich über deinen Kommentar!

 

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Hier geht es zum  >>>  ersten Interview mit Yvonne von Fairaway Travel  <<<

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