Woodstock – vom gefährlichen Arbeiterviertel zum Hotspot für Kunst und Design

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Kannst du dir vorstellen, dass du von heute auf morgen von Freunden getrennt wirst, weil ihr verschiedener Herkunft seid? Oder von einem Familienmitglied?

Dass dein Nachbar sein Zuhause verlassen und womöglich auch noch abgeben muss, weil er eine andere Nationalität hat? Weil er aus Asien kommt oder schwarz ist?

Weil es verdammt nochmal bis 1990 einen Unterschied gemacht hat, wo du herkommst und wie du aussiehst?

Wenn ich durchs heutige Kapstadt laufe, kann ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie es in Südafrika wohl ausgesehen haben muss, als das Apartheidsgesetz 1950 eingeführt wurde, das kulturell gemischte Nachbarschaften zerstörte und Menschen dazu zwang, in Gebieten ethnisch gleicher Gruppen zu leben (Group Areas Act). Und eigentlich möchte ich es mir auch gar nicht vorstellen.

Aber so war es.

Sogar noch bis vor 28 Jahren!

Für mich ist das ein so unglaublich erschütterndes Bild, das meine Vorstellungskraft völlig übersteigt!

Was wir glücklicherweise in den letzten Tagen, seitdem wir hier in Kapstadt sind, sehen und erfahren dürfen, ist eine bunte und offene Metropole, in der die verschiedensten Ethnien und Nationalitäten friedlich nebeneinander leben, zusammen arbeiten, sich gemeinsam kreativ ausleben, gemeinsam lachen. Hier hat sich viel verändert! Woodstock ist eines der Stadtviertel Kapstadts, in dem wir den Wandel am deutlichsten spüren und umso gespannter sind wir, mehr darüber zu erfahren und zu lernen.

 

 

Woodstock – Kapstadts kreativer Melting Pot

Als wäre eine gerade Linie durch das Viertel gezogen worden, trennte die Victoria Road einst Upper Woodstock mit seinen viktorianischen Einfamilienhäusern von Proper Woodstock, dem durch Kriminalität geprägten Industrie- und Arbeiterviertel mit seinen heruntergekommenen Gebäuden. Auch wenn es heute noch immer nicht ungefährlich ist, sich nachts in Woodstock auf den Straßen aufzuhalten, erlebt der Stadtteil in den letzten zwei Jahrzehnten dank der vielen Künstler und Kreativen, die sich hier in alten Lagerhallen angesiedelt haben, einen unglaublich positiven Wandel. Die günstigen Mieten zogen schnell immer mehr junge Leute an, die sich hier mit einem eigenen Geschäft oder Atelier verwirklichen konnten. Die Straßen wurden sicherer und seitdem leben hier Locals neben internationalen Künstlern und Designern – eine bunte Vielfalt an Kulturen und Religionen.

Zentrum dieser Entwicklung war das heutige Woodstock Exchange, eine ehemalige Fabrik, in dessen Lagerräumen bis zu 90 Künstlern in Ateliers wohnten und ihre Kreativität auslebten. Im Laufe der Zeit wuchs in dieser Gemeinschaft der Wunsch, die Nachbarschaft aufzuwerten. Die ersten Hauswände und Mauern in der Umgebung wurden mit Streetartkunst und Graffiti verschönert. Heute kommen Streetart-Künstler aus aller Welt hierher, um sich auf einer der Fassaden zu verewigen. Nicht zuletzt, um mit ihren Kunstwerken und deren Message einen positiven Beitrag zur Woodstock-Community zu leisten.

 

Der Neighbourgood Market, der seit 2006 wöchentlich in der Lagerhalle der Old Biscuit Mill stattfindet, ist ebenfalls ein gutes Beispiel für den Strukturwandel in Woodstock. Es ist ein Stück wertvolle Kultur, das sich hier etabliert hat.


 

Nichts ist so beständig wie die Veränderung

Leider geht mit solch einem Wandel über kurz oder lang auch meist die Gentrifizierung einher, die viele Locals und Künstler aus der Woodstock-Community zu vertreiben droht. Die Multikulti-Gemeinschaft, die sich hier über Jahre ihre Existenz aufgebaut hat, hat es immer schwerer, denn der Wohnraum ist für die meisten von ihnen nicht mehr bezahlbar.

Um Woodstock aufrecht erhalten zu können, rief Juma Mkwela – einer der Künstler aus der Community – eine Streetart-Tour ins Leben (die ich sehr empfehlen kann!). Er sagt, es sei nicht das Ziel der Kunst, Woodstock zu ändern, sondern dabei zu helfen, mehr Menschen auf die Straßen zu holen, die Gegend aufzuwerten und sie sicherer zu machen.

Auf unserer Tour durch den Stadtteil erzählt uns unser Guide Zac, der selbst in Woodstock aufgewachsen ist und den Strukturwandel miterlebt hat, mit Leidenschaft Geschichten über das Viertel und seine Leute. Zu jedem einzelnen Straßenkunstwerk fällt ihm eine Anekdote ein, denn die meisten Künstler kennt er persönlich. An jeder Ecke quatscht er mit jemandem oder wird gegrüßt. Man merkt, wie sehr die Community hier verbunden ist.

 

 

Fest entschlossen

Zac ist fest entschlossen, dass er sein Zuhause nicht aufgeben wird und erzählt uns, dass er sich durch das, was er tagein tagaus durch seine Touren einnimmt, ermöglicht, selbst hier wohnen zu bleiben und einen Teil an die Community zurückzugeben. Um Touristen, aber auch Einheimische weiterhin aufzuklären und um zu zeigen, welche Bedeutung es hat, diesen besonderen Ort am Leben zu halten.

„Ich weiß, ich kann die Gentrifizierung nicht aufhalten und sie hat ja auch positive Seiten – aber es liegt mir am Herzen, meine Gemeinschaft davor zu bewahren, ihr Zuhause verlassen zu müssen. Deshalb mache ich diese Streetart-Touren. Und ich mache sie aus Leidenschaft!“

 

 

Der allerdings für mich persönlich schönste und wichtigste Effekt des Wandels ist der Zusammenhalt an diesem Ort, der sich in den letzten Jahren unter den Locals und Zugezogenen entwickelt hat. Ganz egal, welcher Religion sie angehören; welchen sozialen oder kulturellen Hintergrund sie mitbringen, ob sie hier geboren sind oder zugezogen. Die Vielfalt der Menschen, die sich gegenseitig unterstützen und aufeinander achten, ist absolut beeindruckend!

Natürlich gibt es hier noch dunkle Ecken, Armut und Drogenprobleme. Den Kampf gegen die großen Investoren. Die Apartheid gehört jedoch zum Glück der Geschichte an!

 

Beschäftigt dich das Thema der Apartheid auch so wie mich? Und warst du auch schon mal in Südafrika? Hast du eine Frage an mich? Was es auch ist – schreibe mir gern einen Kommentar!

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